Die Überbleibsel des Qualitätsjournalismus

In den letzten Jahren standen bekannterweise Google News und ähnliche Portale stark in der Kritik.

Von Verlegern hieß es, Google und Co würden ihnen Einnahmen klauen, da sie ihre Nachrichten (wenn auch nur auszugsweise) online präsentieren und verlinken.

Diese Diskussion ist mir im Moment relativ egal, darüber geht es in diesem Blogeintrag auch nicht, doch ein Begriff ist in diesem Zusammenhang oft gefallen: „Qualitätsjournalismus“, welcher „gerecht entlohnt“ werden will.

Doch was ist Qualitätsjournalismus? Was ist davon noch übrig geblieben?

Heute wurde uns wohl bewiesen, was der Qualitätsjournalismus in Deutschland ist:

Es ist das Tickern von DPA Nachrichten. Blindes Vertrauen, dass die DPA wohl keine Fehler macht. Und so kommt des, dass innerhalb von einer halben Stunde über 500 Nachrichtenseiten (so viele Suchergebnisse hat die Headline jedenfalls im Moment) die Meldung „Viele EHEC-Tote werden nicht mehr ganz gesund“ tickerten.

Ich kann verstehen, dass die Zeitungen auch Sonntags versuchen die Leser auf dem Laufenden zu halten. Ich kann auch verstehen, dass Sonntags wohl nicht so viele Redaktionsmitarbeiter am Arbeiten sind, wie unter der Woche.

Aber wieso merkt das denn niemand??

Nicht nur, dass niemand den Fehler bemerkt und den Artikel löscht, es werden sogar immer mehr Suchergebnisse. Kann denn niemand diese DPA Meldung „zurückholen“? Oder wenigstens zeitnah revidieren? Irgendwer hat den Text doch geschrieben, derjenige muss doch merken, dass die Headline anders besser gewählt worden wäre (wenngleich sie nicht 100% falsch ist, die EHEC-Toten werden nur halt nicht „nicht mehr ganz gesund“, sondern sie sind tot, von Gesundheit kann da keine Rede mehr sein).

Und da wundern sich die Verleger, wieso viele Zeitungen wenig Zuspruch „aus dem Internet“ bekommen und die Internetuser auch keine allzu große Bereitschaft zeigen, für Onlinezeitungen zu zahlen. Wofür soll ich denn bezahlen? Dass blind DPA Meldungen getickert werden? Selbst wenn 3 Zeitungen dafür Geld verlangen würden, gibt es doch immer noch 500 Weitere, die es kostenlos anbieten. Oder soll ich dafür zahlen, dass Falschmeldungen selbst nach einer halben Stunde noch online sind? Klar, es ist Sonntag, das rechtfertigt aber nicht, dass deswegen die Nachrichten eine schlechtere Qualität haben (besser keine Nachrichten sonntags, dann macht man auch weniger Fehler).

Ich habe kein Problem damit, für guten Journalismus zu zahlen. Doch scheint sich das „gut“ in den letzten Jahren zu verschieben, mindestens aber werden die „guten“ Beiträge durch leider immer häufiger auftretende Schlechte „unterwandert“. Qualität sticht Quantität, lieber sonntags weniger veröffentlichen, dafür einen höheren Standard gewährleisten.

In dem Zuge der Entlohnung kommt flattr sicher nicht ungelegen.

Ich bin gespannt wie lange die Meldung wohl noch kursiert, bis sie revidiert bzw. geändert wird.

P.S.: Ich will mit diesem Beitrag niemandem auf die Füße treten, es gibt in den klassischen Medien durchaus gute Journalisten, es zählt dafür zu sorgen, dass diese nicht durch falsches Management bzw. Falschmeldungen untergehen.

Nachtrag: Kurz vor dem Veröffentlichen habe ich nochmals gegoogelt, „nur“ noch knapp 400 Ergebnisse, die Ersten scheinen es wohl zu merken. Immerhin. Wobei andere gerade nochmals nachlegen, die Zahlen schwanken gerade sehr stark zwischen 400 und 750.

Nachtrag(2): Lars Wienand (Mitarbeiter der Rheinzeitung) hat ein paar Worte dazu geschrieben. Ich wollte mit meinem Beitrag den Qualitätsjournalismus nicht per se abwerten, ich frage mich aber: Braucht man wirklich 24/7 Ticker? Ich (als Leser) kann es durchaus verstehen, wenn mal keine bzw weniger Nachrichten auf einer Nachrichtenseite erscheinen, weil gerade Nacht oder Wochenende ist. Braucht man Ticker, die zu Hunderten im Internet, die gleiche Meldung posten? Ließt die denn wirklich jemand aufmerksam? Ich für mich eher nicht, ich habe zwar schon das ein oder andere Mal in Ticker geschaut, aber fehlen würde er mir wahrscheinlich nicht. Andere Journalisten hingegen bekommen die DPA Nachrichten wahrscheinlich sowieso, sind also auch nicht auf den Ticker angewiesen.

Ist der Mehrwert von einem Ticker im Internet heute noch so groß?

Ich will damit nicht sagen, dass es keinen Qualitätsjournalismus mehr gäbe (auch wenn es so klingen mag). Guter Journalismus hat (finde ich) nicht viel mit automatisierten Ticker zu tun, sondern damit, dass man sich vom Rest abhebt. Mit Qualität. (Nein, das heißt jetzt nicht, dass jeder Tickeranbieter keinen guten Journalismus liefern kann 😉 ). Ich will damit nur die Sinnhaftigkeit automatischer Ticker in Frage stellen, nicht die der Journalisten.

P.P.S.: Und ja, der Titel ist etwas ungünstig gewählt 🙁

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